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Diese Frau* hat eine Vision: unseren Kindern eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen. Dafür entwickelt die junge Biotechnologin nachhaltige Verfahren der Produktion von Medikamenten.
Die Arbeit an einem Portrait von ihr gerät zu einem anekdotischen Stück über Hobbies und Haarschmuck. Und über #Trends in der #Wisskomm.

*nennen wir sie Birthe M.

“Rufen Sie mich bitte auf dem Handy an”, schreibt mir Birthe M. kurz vor unserem Gesprächstermin. Statt die Wasserleitung zu reparieren, haben Bauarbeiter ihr die Telefonleitung gekappt. Nun versucht sie, den Vormittag im Homeoffice in der Nähe von Köln auch ohne Internetverbindung sinnvoll zu nutzen. Ein Artikel will redigiert, ein Review geschrieben werden, ein Pressebüro hätte gerne noch ein Foto von ihr beim Rudern und am Montag ist der nächste Forschungsantrag fällig. Ich warte darauf, dass Sie sagt: “Kommen wir zum Thema, Frau Schneeweiß, ich hab nicht ewig Zeit.” Doch Birthe M. nimmt sich Zeit, wir reden über die Kinder. Sie ist Mutter von dreien. An einem namenhaften Forschungszentrum leitet die Biologin eine zehnköpfige Arbeitsgruppe, sie hat einen Lehrstuhl an einer Universität und ihre Jüngste hat auch nicht immer Lust auf Kindergarten. Der Alltag klappe bei ihnen deshalb so gut, weil sie mit ihrem Mann, einem Fernsehredakteur, an einem Strick ziehe. Und weil sie sich auf ihre Mitarbeiter im Labor verlassen könne.

“Ich sehe die Redaktion bzw. unser Medium nicht als Sprachrohr für die Porträtierten. Wenn es danach ginge, würden die meisten Forscher wohl nur über ihre Arbeit reden.” Die Redakteurin.

Ich soll ein Portrait über Birthe M. schreiben. Die Anfrage habe ich gerne angenommen, möchte über ihre biotechnologische Forschung schreiben, ihre Ziele, ihre Vorstellung vom Leben und darüber wie sie es schafft, diese im Alltag umzusetzen. Wiederholt fragt mich die Redaktion nun nach dem Haarschmuck der blonden Professorin, während Birthe M. mir begeistert von ihrer Arbeit erzählt und ich mich frage, wie sie ihr Leben mit Arbeit und Familie eigentlich unter einen Hut kriegt. Das wird ja spannend. 

Während der Arbeit an dem Stück muss ich immer wieder an Julika Griem denken. Die Literaturwissenschaftlerin und DFG-Vizepräsidentin macht sich Gedanken über manche Trends in der aktuellen Wissenschaftskommunikation. In ihrem Eröffnungsvortrag zum Forum Wissenschaftskommunikation der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ äußerte sie sich vergangenen November kritisch zu Formaten der Wissenschaftsvermittlung, zum “Imperativ der Erzählbarkeit” (#Storytelling) und zu “Protagonisten, mit denen sich das Publikum identifiziert, mit denen es fiebern und leiden kann” (#Heldenportraits).

Schon immer konnte Birthe M. sich für Naturwissenschaften begeistern. “Mit drei Jahren habe ich meinen Eltern verkündet, ich wolle ’Billologin’ werden”, erzählt sie lachend. Inspiriert haben sie ihr Vater, Biologie- und Erdkundelehrer, und ein Onkel, der als Meeresbiologe mit dem Forschungsschiff Polarstern häufig in die Antarktis fuhr. Obwohl sie so unterschiedliche Disziplinen wie Medizin, Sportjournalismus, Landschaftsarchitektur nicht weniger reizten, entschied sie sich nach dem Abitur, Biologie zu studieren. Heute bezeichnet sich die junge Professorin selber als Biotechnologin. “Mich interessiert die technische Anwendung biologischer Aspekte”, erklärt sie. Und sie mag es, mit Wissenschaftlern verschiedenster Fachrichtungen zusammenzuarbeiten. “Interdisziplinäre Projekt mit Kollegen der Ingenieurswissenschaften, Chemie und Biologie gemeinsam zu bearbeiten, um nachhaltige Produktionsprozesse für die Zukunft zu entwickeln – das macht mir besonders Freude.”

Wie sie auf ihr Forschungsthema kam, fragt der Redakteur. Ob es ein Aha-Erlebnis gab. “Anekdotische Aha-Erlebnisse zählen in der wissenschaftlichen Arbeitsrealität kaum zu den Karriere entscheidenden Kriterien”, antworte ich. 
“In den meisten Fällen ist es ein langer, zäher Weg, auf dem man einen langen Atem braucht, um ans Ziel zu kommen”, ergänzt die Biotechnologin. Wissenschaftskommunikation sollte vor allem auch deutlich machen, dass vieles zufällig passiert, am Rande oder erst nach langer Zeit, fordert Julika Griem. Es gehe nicht nur um Durchbrüche, sondern auch um Durchhalten.

Von der Idee bis zur Umsetzung eines Verfahrens

“Wenn Leute mich nach meiner Arbeit fragen, beschreibe ich, dass ich im Bereich der Biokatalyse forsche. Also Enzyme oder ganze Zellen nutze, um aus Rohstoffen Medikamente oder die Bausteine dafür herzustellen.” Im besten Fall nutzen M. und ihre Mitarbeiter nachwachsende Rohstoffe aus der Natur. Sie designen und optimieren die Enzyme, die solche günstig verfügbaren Rohstoffe durch Katalyse in wertvolle Wirkstoffe umwandeln. Und sie konzipieren die Prozesse, in denen das geschieht, also die Abfolge verschiedener biochemischer Katalysereaktionen. Der jungen Professorin gefällt der umfassende Ansatz ihrer Arbeit. Sie begleitet die Forschung von der Ausgangsidee bis zur Umsetzung. “Ich mag es besonders, einen Prozess von der Erstellung des Katalysators bis zur Auslegung des Verfahrens zu entwickeln – um am Ende zumindest eine kleine Flasche mit dem Produkt auf den Tisch stellen zu können.”

Günstige Rohstoffe in hochwertige Wirkstoffe umwandeln – das klingt auf den ersten Blick ein bisschen nach Alchemie. Warum es trotzdem funktioniert, erklärt Birthe M. so: “Zum einen liegt die Wertschöpfung darin, dass wir von einfachen Substraten ausgehen und unsere Enzyme daraus in jedem Reaktionsschritt komplexere Moleküle herstellen.” Dabei synthetisieren M. und ihre Mitarbeiter viele optisch aktive Substanzen, deren Moleküle in unterschiedlichen räumlichen Anordnungen vorkommen. Da jede Molekülvariante im Körper eine andere Wirkung haben kann, können nur hochreine Präparate einer einzigen Molekülvariante als Grundstoff für Medikamente eingesetzt werden. “Hier hat die enzymatische Synthese einen großen Vorteil: Enzyme sind im Allgemeinen spezifischer als chemische Katalysatoren”, erläutert Birthe M. Sie produzieren einen Reinstoff statt eines Stoffgemisches, das aufwändig aufgetrennt werden muss.

“Dass man die Enzyme mit Licht an- und ausschalten kann etwa – das ist doch greifbar. Was hingegen ist ein „optisch aktives Enzym”? “ fragt der Redakteur. Dass optisch aktive Moleküle keine Enzyme sind, erkläre ich. Und dass sie das Licht beeinflussen – nicht umgekehrt. An dieser Stelle frage ich nach Informationen über die Leserschaft: welchen Informationsgrad setzten wir voraus und welche Interessen, Bedürfnisse und Vorstellungen bedienen wir mit unseren Texten? (Leider erhalte ich hierauf keine Antwort.) Julika Griems Plädoyer, in der Wissenschaftskommunikation das Publikum auch “mal sorgfältig, umsichtig, furchtlos und man könnte auch sagen zärtlich zu überfordern” hat für Aufruhr gesorgt und von Akteuren der #Wisskomm-Szene Protest geerntet. Griem ist der Meinung, es könne nicht darum gehen, “Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen.” #ForschungistkeinSchokoriegel

Prozessentwicklung für die Nachhaltigkeit


So werden bei der enzymatischen Herstellung chemischer Substanzen auch Abfallprodukte vermieden. “Zudem arbeiten Biokatalysatoren bei physiologischen Bedingungen besonders gut – man braucht also keine hohen Drücke oder Temperaturen für die Synthesen; das spart Energie und ist weniger gefährlich.” Und natürlich sind die verwendeten Enzyme biologisch abbaubar. Diese Umweltaspekte sind für Birthe M. mehr als ein schöner Nebeneffekt. “Ich möchte mich für eine Technologie einsetzen, von deren Sinnhaftigkeit ich absolut überzeugt bin”, betont sie.
Allerdings ist die Herstellung der Enzyme teurer als die vieler chemischer Katalysatoren. In industriellen Herstellungsverfahren kommen sie daher kaum zum Einsatz. “Noch”, ergänzt die Biotechnologin. “Denn wenn die ökologischen Effekte als Kosten in den Prozess eingerechnet werden würden, dann wären viele enzymatische Prozesse schon heute wirtschaftlich konkurrenzfähig.“ Ihrer Einschätzung nach wird es einen Umschwung geben. “Wenn der gesellschaftliche Druck oder die ökologische Notwendigkeit groß genug wird, beginnt auch ein Umdenken bei der Technologie.” M.s Ziel ist es deshalb, Enzymkaskaden zusammen mit industriellen Partnern im technischen Maßstab zu realisieren und Medikamente, Feinchemikalien oder Materialien wie Bioplastik umweltschonend herzustellen. Dafür erarbeitet sie mit ihrem Team verschiedene Konzepte der Biokatalyse aus nachwachsenden Rohstoffen. “Ich halte es für sinnvoll, nicht erst mit dieser Forschung zu starten, wenn es bereits ‘brennt’”, erklärt sie. “Bei der Entwicklung klassischer Produktionsmethoden spielen ökologische Aspekte bisher – wenn überhaupt – eine untergeordnete Rolle. Dieses Denken können wir uns auf Dauer nicht leisten – zumindest nicht, wenn wir unseren Kindern und Enkeln ein lebenswertes Umfeld hinterlassen wollen.”

Birthe M. habe doch kürzlich einen hoch dotierten und renommierten Grant zur Förderung ihrer Forschung erhalten, bemerkt der Redakteur. “Was will sie eigentlich damit machen, was bedeutet das für ihre Arbeit?” fragt er. 
“Ich glaube nicht, dass man auf Preise hinarbeiten kann”, antwortet die ambitionierte Biotechnologin. Wichtig sei neben Begeisterung, Kreativität und frischen Ideen etwas Glück – sowie ein gutes Arbeitsumfeld und Netzwerk zu Kollegen. Sie erzählt mit Begeisterung von den Forschungsverbänden und den vielen Kooperationspartnern, mit denen sie zusammenarbeitet. Besonders gefreut habe sie sich übrigens, erzählt Birthe M. noch, über eine Auszeichnung, für ihre MitarbeiterInnen sie nominiert hatten.
Es gehe in der Forschung auch “um logistische und operative Finesse und um die Berücksichtigung von Details in immer kleinteiligeren und arbeitsteiligeren organisatorischen Komplexen”, führt Julika Griem aus. Entscheidend sei es zudem, “keine Ideallandschaften zu malen.” Wissenschaftskommunikation könne doch auch von der Bearbeitung von Regelverstößen, Machtkonflikten und Verteilungskämpfen handeln. Auch davon kann Birthe M. erzählen – wenn man sie nur zu Wort kommen lässt.


Forschen und Familienleben

A propos Kinder: Birthe M. hat drei davon. Und sie liebt Schweden. Die Natur – dichte Wälder, klare Seen, das Meer – ziehen sie an, nicht nur für Urlaubsreisen. Eine Zeit lang hat sie in Stockholm geforscht. “Als Paar zwei Jobs zu haben und drei Kinder großzuziehen ist in Skandinavien viel selbstverständlicher als bei uns”, schildert sie ihren Eindruck vom Arbeitsleben in Schweden. Das liege an der guten Kinderbetreuung, kinderfreundlich gestalteten Arbeitszeiten und auch daran, wie sich skandinavische Eltern die Aufgaben in einer Familie teilten. “Hier in Deutschland sehe ich eher das Problem, den zeitlichen Anforderungen einer Professur gewachsen zu sein, wenn man zudem Kinder großzieht. Man muss schon strukturiert arbeiten können und der Lebenspartner sollte mitziehen – was bei uns glücklicherweise der Fall ist.” 
Die Herausforderung, Beruf und Familie unter eine Hut zu bringen, teilt Birthe M. auch mit der Nobelpreisträgerin Frances Hamilton Arnold. “Noch kurz vor ihrer Auszeichnung haben wir in meinem Büro gesessen und uns über unsere Forschung aber auch über unsere Rolle als Mütter mehrerer Kinder in unserem Fachbereich unterhalten”, erzählt M.

Frances Hamilton Arnolds Forschung zur in vitro – Evolution von Enzymen hat wichtige Grundlagen für ihre eigenen Ideen und Entwicklungen hervorgebracht. “Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als ich von der Preisverleihung erfuhr”, so die junge Biotechnologin. “Frances Arnold hat wissenschaftlich großartiges geleistet, und das, während sie drei Jungen großzog und an der CalTech gegen viele Barrieren ankämpfen musste. Dafür bewundere ich sie. Sie ist in vielerlei Hinsicht eine absolut würdige Nobelpreisträgerin!”

Die Frage “Kind oder Karriere” hat M. sich nie gestellt. Das mag am Vorbild ihrer Eltern liegen, die auch dann weiter als Lehrer gearbeitet haben, als sie Kinder hatten. Nach Schulschluss ging Birthe M. zu einer Kinderfrau. Eine Bereicherung, wie sie findet: “So habe ich gelernt, mich auf verschiedene Charaktere einzulassen. Unsere “Tante Anni” hatte zum Beispiel einen ganz anderen Erziehungsstil als meine Eltern.” Auch ihre Kinder lernen früh den Umgang mit verschiedenen Bezugspersonen. “Letztes Jahr hatten wir ein AuPair, eine junge Frau aus Argentinien. Es war toll zu sehen, wie sie und die Kinder miteinander umgegangen sind, obwohl sie am Anfang gar kein Deutsch sprach.” Interessanterweise lerne sie in der Kindererziehung auch vieles, das für die Leitung einer Arbeitsgruppe wichtig ist, bemerkt M. “Zum Beispiel Wege der Kommunikation und des konstruktiven Umgangs mit unterschiedlichsten Menschen zu finden.” Im Alltag mit ihren Mitarbeitern zählt für sie Respekt und Wertschätzung. Wenn sie merkt, dass jemand Zeit für private, wichtige Dinge braucht, lässt sie Freiraum dafür. “Wenn diese Dinge dann geklärt sind”, so ihre Erfahrung, “kehren meine Kollegen umso glücklicher und motivierter zur Arbeit zurück.”

Welche Bedeutung ein Au Pair Mädchen für den Leser habe, fragt der Redakteur.
“Der ist wohl in einer anderen Lebensphase”, vermutet Birthe M.
“Sie freut sich zu sehen, wie ihre Kinder den Umgang mit verschiedenen Kulturen lernen”, schreibe ich.

Ihre ungebremste Neugier leitet Birthe M. auch auf Reisen. Sie ist viel unterwegs, inzwischen mehr beruflich als privat, aber immer noch gerne auf Radtour mit ihrem Mann. “Es gibt immer so viel zu entdecken: neue tolle Orte mit schöner Architektur, gutem Essen, und spannende Begegnungen mit Menschen”, schwärmt sie. Wie ihr Arbeitsleben haben sich auch M.s Reisen durch die Kinder verändert. “Früher bin ich nie an einen Ort zweimal gefahren”, erzählt sie. “Jetzt haben wir an einem See in Schweden – wo sonst? – einen großartigen Ort für uns und unsere Freunde entdeckt.” Auch beim Sport, der ihr schon in der Jugend so wichtig war, findet M. Ausgleich von ihrem durchgetaktetem Alltag.

Die junge Biotechnologin wir unter der Feder der Redaktion zur “Meisterin der Enzyme”, aus “entwickeln” wird “tüfteln”; aus dem “durchgetakteten Alltag” wird erst “knappe -“ und schließlich schlicht “Freizeit” der Professorin – Alchemie der #Wisskomm! Nach umfangreicher Überarbeitung anhand der Anmerkungen aus der Redaktion schicke ich das Stück noch einmal an Birthe M. 
Schade, findet sie. “Die Beschreibung meiner Arbeit fand ich in der alten Version viel treffender. Die war aus meiner Sicht wirklich rund geschrieben und ich habe mich und meine Arbeit ziemlich auf den Punkte gebracht wiedergefunden.”
“Schade”, findet die Redaktion, “dass nur wenige unserer Anmerkungen in den Text eingeflossen sind.”
Es gelingt mir nicht, den Beitrag so zu schreiben, das er sowohl den Prioritäten der Forscherin als auch den Vorstellungen der Redaktion entspricht. Was zeichnen wir hier für ein Bild von den Protagonisten der Wissenschaft?

“Mein sonntagmorgendliches Rudern ist mir heilig”, betont M. “Das hilft mir übrigens auch beim Erstellen von komplexen Anträgen oder Manuskripten – drei Runden übern See und ich habe die Struktur im Kopf.”

Respekt!” denke ich. “Wie schafft sie das?”
“Was rudert sie denn”, fragt der Redakteur. “Ein Schlauchboot?”

 

Julika Griems Keynote zur Eröffnung des elften „Forums Wissenschaftskommunikation“ gibt es zum Nachlesen herunterzuladen
Vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, deren Direktorin sie ist, unter
https://www.kwi-nrw.de/images/text_material-3989.img
oder bei der DFG, deren Vizepräsidentin Griem ist, unter
http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/2018/181107_keynote_fwk18_griem.pdf